Senocaks Deutschsein

Anmerkungen zu Zafer Senocak: Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift, Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2011

Dieses als “Aufklärungsschrift” titulierte Buch des 1970 als achtjähriger Junge mit seiner Familie aus Istanbul nach Oberbayern eingewanderten Deutsch-Türken Zafer Senocak über das “Deutschsein” wird Debatten auslösen und hat das auch teilweise schon getan. Denn Senocak hält den Deutschen den Spiegel vor. Nicht demaskierend, sondern geradezu liebevoll versucht er herauszuschälen, was in der bisherigen, eher hitzig und hilflos geführten Integrationsdebatte übersehen wurde. Wir Deutschen haben immer noch keinen positiven Begriff davon, wer wir sind. Deshalb entwickeln die Deutschen auch immer noch keine Vision für eine offene Gesellschaft, die sich n i c h t über die Abgrenzung des für sie Fremden definiert”.(so sieht es Winfried Stanzick in einem Amazon-Kommentar)

“Dieses Buch geht achtsam mit der Geschichte der Migranten um, aber genauso achtsam und verstehend geht es auch mit den Deutschen und Deutschland um. Wer etwas anderes hier herauslesen will, gehört zu den Angstvollen unter uns”, meint “Sonnenvogel” in einem Amazon-Kommentar.

Ins gleiche Horn stößt Zara Zilic-Marks, ebd:
“Dieses Buch ist schlicht und ergreifend großartig! Der Autor weist sich als ein auf den Punkt genauer Kenner der Psychoanalyse und der deutschen Geschichte gleichermaßen aus. Ein im Denken unbestechliches Buch, das in der Debatte um die Migranten auch das kollektive Unbewusste der Deutschen ins Spiel bringt, Vergleiche zu Frankreich etwa zeigen den Unterschied zum hiesig unterdrückten Stolz der Deutschen (Zenocak erklärt das historisch, ohne die Deutschen zu verdammen oder zu verurteilen). Er führt vor, was für ein großes kulturelles Missverständnis es wäre, wenn nur die Forderung nach Assimilation bei unserem Umgang mit den Zuwanderern eine Rolle spielte.”

Andere Akzente setzt Thorwald Franke, ebd:
“Es ist klar, dass Senocak auf der Grundlage dieses weltfremden Idealbildes auch noch dem harmlosesten Integrationskritiker eine bösartige, antiaufklärerische Motivation unterstellen muss. Senocak ist also der Auffassung, dass es eine “reine”, kulturfreie Aufgeklärtheit gäbe, und dass diese vollauf genüge, um in einem aufgeklärten Land völlig integriert zu sein. Senocak unterstützt damit praktisch vollkommen die Aufforderung von Erdogan an die Türken in Deutschland, sich als 100prozentige Türken zu “integrieren”. … Jedenfalls ist es immer wieder erstaunlich, wie Intellektuelle (oder Möchtegern-Intellektuelle) sich von ihren geliebten Ideen dazu hinreißen lassen, wesentliche Teile der Wirklichkeit einfach auszublenden. Der schwärmerische Ton verrät es schon: Wie toll, die “Fremden” … “öffnen” unser Land, und der Islam darf nicht mit Terrorismus verwechselt werden, ach wie überaus klüglich – aber gibt es denn nicht auch ein paar Probleme? Oder wenigstens ein Problem? Nicht wenigstens ein kleines Problem? Nein?

Wolfgang Jäger schreibt in der FAZ: “Senocak ist stolz auf die Modernisierungsgeschichte der Türkei, einen Zivilisationsentwurf und eine der großen Kulturrevolutionen der Menschheitsgeschichte, allerdings auch mit negativen Begleiterscheinungen wie dem Nationalismus und seinen mörderischen Folgen.”

Der Forumeditor möchte  hier folgendes hinzuzufügen:
Die ausführliche Schilderung und Einbindung dieser negativen Folgen bleibt der Erfolgsautor jedoch schuldig. Es ist ein schlichtes “Märchen aus tausendundeiner Nacht” die türkische Zivilisation so zu verklären, denn diese ist von robustem Patriotismus und Nationalismus bis geduldetem Faschismus  geprägt und wird in einem Staatsislam gelebt.
Das türkische Modell, so wie Senocak es verstanden haben will, auf Deutschland übertragen, ergäbe folgendes Szenario (Vergleiche hinken ja immer, aber es wird sonst nicht verständlich):

Die deutsch-preussische Kultur wäre dank eines Deutschenvaters Nationalkultur auch für andere Völker im Reiche, die deutsch-preussischen Feiertage wären Staatsfeiertage im ganzen Land. Die Kirchengemeinden  aller Konfessionen hätten das Predigtbuch der preussischen Religionsbehörde abzuarbeiten, die auch für Kirchenunterhaltung und Pfarrerausbildung zuständig wäre. Den bayerischen Bergdeutschen wäre eine echte kulturelle Autonomie untersagt. Sprengstoffanschlägen in den bergdeutschen Gebieten wären mit  Militär und hoher preussischer Polizeipräsenz zu begegnen. Herr Seehofer säße isoliert in einem Gefängnis auf der Pfaueninsel im Wannsee. Deutsche Wölfe (Motto: “heute gehört uns Europa und morgen die ganze Welt”) hätten regen Zulauf und könnten an Plänen basteln, in denen ein Reich Germanistan wiederentsteht. Es umfasst auch die früheren gotischen Siedlungsräume bis zum schwarzen Meer. In deutsch-polnischen Randgebieten wären die polnischen Kirchen geschlossen, enteignet und das polnisch-katholische Priesterseminar geschlossen … Ich will mal aufhören, was der Vergleich ausdrücken soll, wird deutlich.
Das plumpe an Senocaks Buch ist der Versuch, dieses Hässliche im Türkeibild auszublenden und das verklärte Modell  Deutschland als Vorbild anzudienen. Es gibt hier nur noch eine deutsche Zivilisation, in der Deutsche, Türken und andere in kultureller Vielfalt nebeneinander leben. Wie schön das doch klingt. Die Sache hat nur einen Haken: Der deutsche Anteil wird demografisch bedingt immer kleiner und älter, der türkische nährt sich kulturell und zahlenmäßig aus dem anatolischen Reservoir. Schöne Aussichten.

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